Leasing 4.0 – Realität oder nur ein Hype?

KMU-Magazin: Sie feiern 35 erfolgreiche Jahre in der Leasingbranche. Als Geschäftsführer haben Sie viele Konjunkturzyklen erlebt und manch grundlegende Veränderung des Geschäftes. Was hat sich geändert?

Prof. Dr. Bernhard Sünderhauf: Die ALTAMED war vor 35 Jahren eine der ersten und führenden Leasinggesellschaften im Gesundheitswesen. Die anderen sind vom Markt verschwunden – uns gibt es noch. Wir haben uns seitdem verbreitert und sind als ALTAPLAN LEASING an den steigenden Ansprüchen des Mittelstandes gewachsen.

Maßgeschneiderte Finanzierung schafft Freiräume

Bernd Oliver Sünderhauf: In der Tat, die Ansprüche steigen, auch die Komplexität steigt. Unternehmen gehen damit sehr unterschiedlich um. Während der eine hochkomplexe Supply Chains ausbalanciert, will der andere, dass alles ganz einfach läuft. Die einen brechen ihr Geschäftsmodell auf das strategische Kerngeschäft herunter, etwa das Produktdesign bei Apple.

Andere gehen ganz bewusst den entgegengesetzten Weg, um wieder die ganze Fertigungstiefe zu kontrollieren, um alles zu verstehen, darunter findet sich manch mittelständisches Maschinenbauunternehmen ebenso wie der Biobauer mit eigenem Landgasthof und Hofladen.

BSÜ: Darunter gibt es freilich bessere und schlechtere Geschäftsmodelle, aber unsere Aufgabe als Leasinggesellschaft ist es, unseren Kunden die optimale Finanzierung auf den Leib zu schneidern, Liquidität freizusetzen und Freiräume zu schaffen. Unseren Vendorenpartnern helfen wir, Vertriebs- und Finanzierungsmodelle weiterzuentwickeln.

Diese Individualität ist zwar noch nicht Leasing 4.0, aber eine Grundvoraussetzung hierfür, und zwar eine, die unbewegliche Dickschiffe schnell überfordert. Hier spielen wir unsere Stärke als flexibles und selbst mittelständisches Unternehmen aus, das sich gemeinsam mit unseren Kunden immer wieder neu erfindet.

Hoffnung für unterfinanzierte Existenzgründer

KMU-Magazin: Bei so viel Flexibilität – wo ziehen Sie Ihre Grenzen?

BOS: Da gibt es zum einen Produkte, die die Welt schlichtweg nicht braucht – die haben ganz gewiss keine Zukunft. Hübsch verpackte Luft finanzieren wir nicht gerne, da hilft auch kein gutes Marketing. Gute Ideen mit Substanz hingegen schon. Trift eine solche auf Know-How, Engagement und maßvolle Vorstellungen, dann versuchen wir, die Finanzierung betriebsnotwendiger Maschinen, IT-Ausstattung, oder eines angemessenen Autos möglich zu machen, auch wenn es auf dem Papier schwierig erscheint.

Viel zu oft werden Gründer, die nicht das Glück haben, eine gutsituierte Familie als Bürgen mitzubringen, ein, zwei Jahre hingehalten, bevor sie sich auch nur das Notwendigste finanzieren können. Wir wollen uns aber nicht damit abfinden, dass dem wohlhabenden Schnösel das Geld hinterhergeworfen wird, während der engagierte Normalsterbliche auf dem Trockenen sitzt. Um diesem das Leben zu erleichtern, zugleich aber die Spreu zuverlässig vom Weizen trennen zu können, wollen wir in 2017 ganz neue Wege gehen – eines unserer ambitionierteren Projekte im Jubiläumsjahr.

Şükran Zafer: Was dazugehört: kein Geschäftsmodell bleibt zukunftsfähig, wenn es ohne soziale und ökologische Verantwortung daherkommt. Heute noch nett gemachte Nische, ist das morgen schlichtweg der weltweite Goldstandard.

Ich spreche nicht von „Greenwashing“, sondern von Unternehmen, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen, von deren Funktionieren sie letztlich abhängen. Unternehmen, die sich für den sozialen und ökologischen Fallout interessieren, die ihre Mitarbeiter als ganze Persönlichkeiten fördern, ihnen Entfaltungsfreiheit geben, die hart an den Produkten arbeiten, nicht nur am Marketing – solche Unternehmen sind für die Zukunft wirklich gut aufgestellt.

BOS: Das kann ich nur unterstreichen. Nicht nur wir selbst stellen uns so auf – auch in unseren Kooperationen, selbst in Kreditentscheidungen spielen soziale und ökologische Kriterien eine zunehmende Rolle.

Teilen ist das neue Haben

KMU-Magazin: Interessant, dass das Thema schon so weit gediehen ist. Was fehlt noch zu Leasing 4.0?

BOS: Der entscheidende Punkt, der noch hinzukommt – und da wird es manchmal tricky, aber auch spannend – ist der wachsende Dienstleistungsanteil. Das geht bis hin zum individualisierten Produkt, das einen Mehrwert gegenüber der Regalware bietet. Leasingfähig ist das zwar nur, wenn eine anderweitige Verwendung grundsätzlich möglich bleibt. Wenn es sich um qualitativ hochwertige, flexible Produkte handelt, ist das aber in vielen Fällen durchaus gegeben.

BSü: Dazu gehören auch Lösungen, wo man sich nicht mehr für die konkrete Maschine interessiert, sondern nur noch für den Output. Und da sind wir mitten in einem anderen zentralen Aspekt der Industrie 4.0: Teilen ist das neue Haben. Die Leasingbranche war hier Vorreiterin, jetzt kommt es darauf an, das Konzept weiterzuentwickeln. Ausgerechnet Leasingunternehmen dürfen hier nicht kneifen, sondern müssen solche Modelle begleiten und mitgestalten.

Hinzu kommt, dass IT kaum mehr ein separater Sektor ist, sondern zunehmend alle Bereiche des Wirtschaftslebens durchdringt. Wir begleiten dieses Zusammenwachsen der klassischen Industrie mit einer wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft. Das ist die Industrie 4.0, und wir machen daraus, wenn man es so nennen will, Leasing 4.0.

(aus der KMU-Sonderbeilage der FAZ vom 16. Dezember 2016)

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